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Nachruf Dr. Smarajit Jana

Die Corona-Pandemie kostet in Indien zurzeit viele Leben.

Am Samstag, den 8. Mai, verstarb Dr. Smarajit Jana an den Folgen seiner Covid-19 Erkrankung. Sein Tod wird in Indien und weltweit betrauert.

Wir von Hydra senden von Herzen unser Beileid den Familienangehörigen, Freund*innen und allen Sexarbeiter*innen in Kolkata, West-Bengalen, und ganz Indien, die durch den Tod von Dr. Smarajit Jana einen ihrer stärksten Fürsprecher verloren haben. Wir möchten hier seinen Beitrag für die Rechte von Sexarbeiter*innen würdigen:

Dr. Smarajit Jana, studierter Mediziner und Epidemiologe, baute Anfang der 1990er Jahre das HIV/AIDS Präventionsprogramm im Kolkataer Rotlichtbezirk Sonagachi maßgeblich mit auf. Sonagachi gilt als der größte Rotlichtbezirk Asiens. Das vornehmliche Ziel der Gründung von Durbar war, die HIV/ AIDS Ansteckungsraten von Sexarbeiter*innen in Sonagachi zu reduzieren: Durch die Implementierung von Peer-to-Peer Arbeit wurden Sexarbeiter*innen selbst zu den Multiplikator*innen. Aus diesem Ansatz erwuchs bis 1995 das Durbar Mahila Samanwaya Committee ( দুর্বার মহিলা সমন্বয় সমিতি Durbar Mohila Shômonbôe Shomiti "Unstoppable Women's Synthesis Committee"). Bis heute überbringen die Multiplikator*innen ihren Kolleg*innen das notwendige Wissen über HIV/ STIs und stellen den Zugang zu Kondomen sicher. Aus diesem anfänglichen auf Gesundheit fokussierten Präventionsprojekt entwickelte sich eine starke Selbstorganisation, die ganzheitlich das Empowerment und die Menschenrechte von Sexarbeiter*innen in den Fokus stellt. Zu ihren Grundwerten zählen Respekt, Anerkennung, Integrität, Einsatz und Vertrauen.

Mit wachsender Selbstorganisation im Rahmen der HIV/AIDS Prävention starteten Sexarbeiter*innen in Sonagachi eine eigene Mikrokredit-Initiative. Sexarbeiter*innen hatten bis dato keinen Zugang zu Bankkonten und befanden sich häufig in einem Teufelskreis der Abhängigkeit von nicht-vertrauenswürdigen Kreditgebern. Aus dieser kleinen Mikrokredit-Initiative entwuchs 1995 die Genossenschaftsbank Usha und ermöglichte seither unzähligen Sexarbeiter*innen in Westbengalen aus dieser Schuldenfalle zu entkommen. Heute haben 23.000 Sexarbeiter*innen in West-Bengalen ein Bankkonto bei Usha. Intersektionalität war bei Durbar gelebte Realität und so unterstützt Usha heute auch andere marginalisierte Minderheiten in Westbengalen finanziell. Weiter bietet Usha den Kindern von Sexarbeiter*innen eine Ausbildung an und bietet Ihnen damit eine Arbeit jenseits von Sexarbeit.

Die Zukunftsperspektiven von Kindern von Sexarbeiter*innen sind seit langem ein Kernanliegen von Durbar. Durch die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen sowie alleinerziehenden Müttern in Indien war der Zugang zu Schulbildung Kindern von Sexarbeiter*innen massiv erschwert. Ab 1998 engagierte sich Durbar verstärkt um einen verbesserten Schulzugang und richtete ein eigenes Kinderheim für die Kinder von Sexarbeiter*innen im Umland Kolkatas ein. Unter den pädagogischen und empowernden Angeboten für Kinder finden sich Fußball-Trainings ebenso wie Tanzen, Musik, Malerei und IT-Kompetenz.

Weiter starteten Sexarbeiter*innen Tanz- und Theater-Projekte inklusive internationalen Auftritten. Kooperationen mit Forscher*innen resultierten in Journal-Artikeln vor allem zu sexueller und psychischer Gesundheit (Auflistung peer-reviewter Veröffentlichungen von 2013 bis 2016).

Bereits Ende der 1990er Jahre waren die Kapazitäten der bei Durbar organisierten und aktiven Sexarbeiter*innen so sehr gewachsen, dass sie selbst die Verantwortung übernehmen wollten, um die Missstände in Sonagachi, namentlich Ausbeutung, Menschenhandel und Zuhälterei sowie Sexarbeit durch Minderjährige zu bekämpfen: Sie bauten bis 2001 so genannte Self Regulatory Boards auf, die Hinweisen zu Ausbeutungssituationen nachgehen, die betroffene Sexarbeiterin anhören und ihr nach ihren Vorstellungen helfen, sich aus der Ausbeutungssituation zu befreien.

Ein Highlight für die Internationale Bewegung für die Rechte von Sexarbeiter*innen war das 2012 durch Durbar organisierte „Sex Workers Freedom Festival“. Da die USA Sexarbeiter*innen als kriminell einstufen und kein Einreiserecht zugestehen, waren die Sexarbeiter*innen Sonagachis die Gastgeber*innen für eine parallel stattfindende Konferenz, zu der sich Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen aus der ganzen Welt einfanden.

Wir möchten unsere Kolleg*innen und Mitaktivist*innen mit diesem Nachruf motivieren über den Tellerrand der Hurenbewegung in Deutschland und Europa zu schauen. Denn Erfolge, die in Deutschland unvorstellbar sind, verwirklichen Sexarbeiter*innen in anderen Teilen der Erde, auch und vor allem im Globalen Süden. Das wird nicht zuletzt darin sichtbar, dass sogar die Chefministerin West-Bengalens zu Dr. Smarajit Janas Tod kondoliert – in Deutschland bisher unvorstellbar.

Dr. Smarajit Jana hat als Chefberater von Durbar diese Entwicklungen in Kolkata mitgeprägt und begleitet. Dass die indische Bewegung für die Rechte von Sexarbeiter*innen heute mit als die größte, stärkste und vielfältigste gilt, ist auch sein Verdienst. Mit ihm hat die Sexarbeiter*innen Bewegung in Kolkata eine starke Persönlichkeit, einen Diener für ihre Anliegen und Rechte und für viele einen engen Freund verloren. Die Lücke, die durch seinen Tod gerissen wurde, wird bleiben. Auch dank ihm ist die indische Hurenbewegung so stark, dass weder Prostitutionsgegner*innen noch Covid-19 sie auf die Knie zwingen wird, sondern sie ihren Kampf für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen fortsetzen werden.

 

Nachruf als pdf-Dokument

 

Mehr zur Situation von Sexarbeiter*innen in Indien während Corona: https://www.thehindu.com/news/cities/Delhi/night-and-weekend-curfews-spell-trouble-for-sex-workers/article34347247.ece

Video Interview mit Dr. Jana: https://youtu.be/MTF5WCQjK6o

Video zu Durbar: https://www.youtube.com/watch?v=BXigrqElT3E

Zur Situation von Kindern von Sexarbeiter*innen: https://sangram.org/upload/resources/brothel_born_and_bred.pdf

Playlist des APNSW (Asia-Pacific Networks of Sex Workers) zum Sex Worker Freedom Festival: https://youtu.be/YyFL3J4_yb0

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