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Der SR und die Arbeit von Fachberatungsstellen wie Aldona e.V. und Hydra e.V.

Die Fachberatungsstellen Aldona und Hydra haben deutliche Kritik am für den SR-produzierten ARD-Radiofeature "Licht aus im Bordell" geübt. Daraus hat sich eine aufschlussreiche Diskussion entsponnen:

Vor einigen Wochen erhielt Hydra e.V. diese Antwort des Saarländischen Rundfunks, die unsere Fragen leider unbeantwortet ließ. Vielmehr zeigt sie die grundsätzliche Voreingenommenheit einer Redaktion und die mangelnde kritische Reflektion von Informationen und Aussagen über Sexarbeit.

Hier unsere Antwort:

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrter Herr Thieser,

Wir haben Ihre Antwort erhalten.
Es ist sehr bedauerlich, dass der Saarländische Rundfunk sich unserer Kritik verweigert. Wir haben uns deutlich mehr von einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender erwartet und sind sehr enttäuscht.

Wir erneuern unsere Kritik am Feature „Licht aus im Bordell“ mit der wir uns nach Ihrer Antwort nun an die Rundfunkräte wenden werden:

  • Wir widersprechen der Darstellung der Arbeit der Fachberatungsstellen Aldona e.V. und Hydra e.V. im Feature scharf und möchten fragen, wem eine solche lückenhafte und zu Spekulationen ermunternde Darstellung nützt?
  • Wir konstatieren einen unkritischen Umgang mit Initiativen wie Stopp-Sexkauf, dem Verein Sisters e.V. und ähnlichen Bündnissen.
  • Wir wenden uns gegen die Reproduktion abwertender Sprache, wie sie u.a. Leni Breymaier im Feature verwendet. Es ist frauenverachtend und abwertend gegenüber Sexarbeiter*innen solche Aussagen weiter zu verbreiten und ihnen noch mehr Öffentlichkeit zu verschaffen.
  • Wir problematisieren die Konzeption des Features: Statt Organisationen, wie Nitribitt e.V., die jahrzehntelange Arbeit vor Ort in Bremen leistet, die Vorfälle in Bremen kommentieren zu lassen, werden Interviews, die im Rest der Republik unter vollkommen anderer Fragestellung entstanden sind, zusammengeschnitten. Wir bezeichnen das als Dekontextualisierung. Steckt dahinter nur Naivität oder Parteinahme für die Positionen von Stopp-Sexkauf, Sisters e.V.?
  • Wir appellieren erneut und nachdrücklich daran, schädliche Fehlinformationen, wie sie das Feature „Licht aus im Bordell“ über Sexarbeit und Sexarbeitende verbreitet, durch saubere Recherchen, freigegebene Zitate und vorurteilsfreie Berichterstattung zu ersetzen.
  • Wir erneuern den Vorwurf, dass die Mitarbeitenden beider Beratungsstellen explizit und unabhängig voneinander, zur Vorlage ihrer Zitate im Zuge einer Freigabe aufgefordert haben. Einer Veröffentlichung ohne diese Freigabe haben sie nicht zugestimmt.

Nun zu Ihrer Antwort im Einzelnen:

Sie behaupten, dass es keine Vereinbarung zur Freigabe gegeben hätte. Fachberatungsstellen werden regelmäßig zu Interviews oder Stellungnahmen aufgefordert. Daher wissen wir um die Wichtigkeit von Freigaben. Diese sind im Sinne aller Beteiligten. Umso größer ist unsere Entrüstung, dass dieser klar formulierte Wunsch nicht respektiert wurde.

Sie halten richtigerweise fest, dass es sich um längere, einstündige Interviews handelte. Wir wundern uns sehr, was den SR und Herrn Weisfeld dazu motiviert haben mag, dieses umfangreiche Material in Bezug zu einem sehr spezifischen und nicht repräsentativen Vorfall in der Stadt Bremen zu setzen?

Sie zitieren dann aus dem Manuskript, das auch uns vorliegt. Dieser Text ist eine Transkription des Beitrags. Darin findet sich weder der Kontext der Aussagen von Frau Kolb und von Frau Burkhart, noch die durch (…) gekennzeichneten Auslassungen wieder. Hier hätten wir uns von Ihnen eine Stellungnahme gewünscht, wo gekürzt wurde und warum.
Stattdessen zitieren Sie Passagen aus unseren Homepages, uns erschließt sich überhaupt nicht, zu welchem Zwecke Sie das tun?

Am Ende Ihres Briefs erhalten wir dann Antworten, die wir leider befürchtet haben und die uns trotzdem zutiefst erschüttern:

„Untergraben oder festigen diese Beratungsstellen das „System Prostitution in Deutschland?“ fragen Sie.
Hier spiegelt sich die Voreingenommenheit und die Stoßrichtung des Beitrages als solche wider. Sie argumentieren mit einem „System Prostitution“. Dieser Begriff ist in Fachkreisen weder legitimiert noch verbreitet. Mit gutem Grund: Sexarbeit und Prostitution sind komplexe, multifaktorielle Aspekte von Gesellschaft. Wer verwendet diesen Begriff trotzdem? Die von Ihnen mit sehr viel Redezeit, emotionalisierender Musik und Raum für ihre Appelle ausgestatteten Initiativen und Politiker*innen.
Beratungsstellen, wie Aldona e.V. und Hydra e.V. stützen sich dagegen in ihrer Arbeit auf die Grundlagen des Harm-Reduction-Ansatz und befinden sich damit in guter Gesellschaft von evidenzbasierter Wissenschaft.
Weder haben wir den Auftrag, noch sehen wir unsere Aufgabe darin, ein System zu festigen oder zu untergraben. Wir sind Anlaufstellen und bieten Beratung für Menschen in der Prostitution und der Sexarbeit. Wir wissen, dass die Lebensrealitäten von Sexarbeiter*innen in Deutschland vielfältig sind. Daher weisen wir darauf hin, dass das Feature eine schädliche Engführung vornimmt. Es erzeugt ein Bild, das aufgrund seiner mangelnden Repräsentativität dem Klischee der „Rotlichtkriminalität“ Vorschub leistet. Die Situation in Bremen ist nicht repräsentativ und stellt die Verallgemeinerung einer deutschlandweit sehr unterschiedlichen Situation dar. Sexarbeit hat viele Orte, Bordelle sind sicher einer davon, aber bei Weitem nicht alle.

Wir glauben fest daran, dass die emotionalisierenden Kampagnen von Stopp-Sexkauf oder des Aktionsbündnis Nordisches Modell der überwiegenden Mehrheit von Sexarbeiter*innen schadet, da es auf Pathologisierung und Viktimisierung fußt. Es entzieht Rechte, schafft Kohärenzverbote und ermöglicht die Abschiebung migrantischer Sexarbeiter*innen im großen Maßstab. Am Beispiel Schweden ist dies gut erforscht und eindrücklich belegt.

Sie fordern, dass „dringend über die Zukunft der Prostitution in Deutschland“ diskutiert werden müsse. Darauf entgegnen wir, dass dies kein allein deutsches Problem ist.  Viele andere Faktoren, auf die das Feature mit keinem einzigen Wort eingeht, wie soziale Ungerechtigkeit, Armut und Ausbeutung als globales Problem wirken auf Sexarbeit als gesellschaftlichen Aspekt, der nicht mittels Kriminalisierung der Nachfrage behoben werden kann.

Sie attestieren uns, dass der von uns „gewählte Begriff der freiwilligen Sexarbeit“ nur unzureichend wiedergibt, welchen „Weg vor allem junge Frauen einschlagen (müssen)“. Auch hier wird deutlich, dass Sie unter dem Eindruck stehen, dass Fachberatungsstellen eine Art Ausschnitt wahrnehmen, und befangen oder voreingenommen gegenüber den Realitäten in der Prostitution sind.
Wir sagen Ihnen: Fachberatungsstellen haben einen breiten Einblick in die Bedürfnisse sexarbeitender Menschen. Sie begegnen ihnen ohne moralische Wertung und auf Augenhöhe und setzen sich für ihre Rechte ein.
Wir wissen, dass durch eine Kriminalisierung der Nachfrage, („Nordisches Modell“) jene jungen Frauen, auf die Sie Bezug nehmen, in der Illegalität noch weitaus größeren Gefahren ausgesetzt wären. Für die Angebote von Beratung, wie z.B. Umstieg, Gesundheit, Bleiberecht wären sie dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unerreichbar. Das ist aber die Forderung von Akteur*innen wie Leni Breymaier, die im Feature nicht kritisch betrachtet wird.
Wie können Sie das mit Ihrem hohen Anspruch vereinigen - und es noch als ausgewogen und gut recherchiert bezeichnen? Hier hätten wir uns von Ihnen als einem öffentlich-rechtlichen Medium, kritische Begleitung gewünscht.

Dieses Anliegen kann eigentlich nur im Sinne Aller sein, oder?
 

Mit freundlichen Grüßen,

Ruby Rebelde
in Abstimmung mit den Beratungsstellen Aldona e.V. und Hydra e.V.

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