Zum Hauptinhalt springen

Sex Work on Screen - Warum Filme über Sexarbeit von Sexarbeitenden eingeordnet und bewertet werden sollten

Am 31.10. wurde gemeinsam vom Porn Film Festival Berlin in Kooperation mit Hydra e.V. ein Panel zu "Sex Work on Screen" auf dem Porn Film Festival Berlin 2021 veranstaltet.

Eine Jury, bestehend aus den 5 Sexarbeitenden Kali Sudhra, Emy Fem, Lina Bembe, Nicole Schulze und Ruby Rebelde sichtete 24 Dokumentarfilme zum Thema Sexarbeit.

 

Am 31.10. durfte ich (Ruby Rebelde) an dem tollen Panel Sex Work on Screen auf dem Porn Film Festival Berlin 2021 teilnehmen. Veranstaltet wurde dieses Panel vom Porn Film Festival Berlin in Kooperation mit Hydra e.V.

Eine Jury, bestehend aus den 5 Sexarbeitenden Kali Sudhra, Emy Fem, Lina Bembe, Nicole Schulze und mir sichtete 24 Dokumentarfilme zum Thema Sexarbeit.

Das Porn Film Festival Berlin hat seit Beginn seines Bestehens Dokumentarfilme mit Sexarbeitsbezug gezeigt und so dem Thema Sexwork Raum gegeben. Die 24 Filme sind somit auch eine Chronologie des PFFB, das als Festival Sexarbeit in sein Programm integriert und somit für ein breites Publikum thematisiert. Hydra e.V. war zu einer Kooperation mit dem PFFB sofort bereit.

So einem Event wie diesem müssen viele weitere folgen. Unbedingt noch viel diverser In Bezug auf race, class sowie der Art der Sexarbeit, der die Juror*innen nachgehen:
So kann Expertise aus unterschiedlichen Sexwork-Perspektiven all jene bereichern, die Dokumentarfilme zum Thema Sexarbeit sonst ohne jegliche Einordnung nicht oder miss-verstehen. Auch wir als Sexarbeitende lernen von unseren Kolleg*innen, die andere Erfahrungen mitbringen, jede*r legt den Finger auf andere Schwerpunkte und gerade durch Austausch untereinander kommen wir zu neuen Sichtweisen.

Mit Blick auf die Jury wäre es begrüßenswert, dass Sexarbeitende selbst entscheiden, wer in die Jury kommt. Dieses Jahr gab es Diskussionen über die Zusammensetzung, Anfragen und Absagen im Vorhinein, die -soweit ich weiß- weder dem Publikum noch den Juror*innen transparent gemacht wurden. Mehr Mitspracherecht bei der Aufstellung der Jury und mehr Diskussion über die Bewertungskriterien, würden eine Fortführung des Sex Work on Screen – Formats sicher bereichern. So könnte das Publikum und auch die internationale Jury aus Sexarbeiter*innen aktuelle Diskussionen und Diskurse (Rassismus, Kolonialismus, weißer und/oder heteronormativer Blick), die Sexarbeitende genau wie die Mehrheitsgesellschaft beschäftigen besser nachvollziehen.

Zwei Beispiele haben mich besonders inspiriert:
Bei den Bewertungen der Filme, waren wir uns als Jury relativ einig. Doch über den Film Meet the Fokkens gab es absolut wichtige Anmerkungen und Beobachtungen, die zu ganz unterschiedlichen Bewertungen führte. In dem Film wird Rassismus reproduziert. In den Niederlanden sind ähnlich wie in Deutschland viele migrantisierte Menschen in der Sexarbeit tätig. Die Protagonistinnen der Doku sind weiß, herkunftsniederländisch und äußern ebenso hemmungslos, wie unreflektiert rassistische Kommentare über Kunden und Kolleg*innen. Für eine Juryangehörige war dies ein triftiger Grund, den Film komplett in ihrer Bewertung durchfallen zu lassen. Andere begriffen diese Äußerungen als Dokumentation der rassistischen Ressentiments unter Sexarbeitenden, die thematisiert und aufgearbeitet werden müssen. Ein Disclaimer oder ein Kommentar dieser Aussagen wäre wünschenswert, erstens um es als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu markieren, und andererseits eine deutliche Triggerwarnung zu setzen.

Ein anderes Beispiel war der Film Garderia Nocturne, der die Jury ins Gespräch darüber brachte, wie der Blick auf schwarze, alleinerziehende Sexarbeitende im Umgang mit ihren Kindern sowohl bei der Konzeption als auch beim Publikum problematische Konzepte und Vorurteile in Bezug auf race reproduzieren oder zementieren könnte. Wie repräsentiert eine Dokumentation ihre Protagonist*innen angemessen und wie lädt sie das Publikum ein, sich differenziert auf den Film einzulassen?

Zum Schluss hatten wir noch eine vorhersehbare, wenn auch wichtige Diskussion über den Film Lovemobil von Elke Lehrenkrauss, der 2021 in Deutschland einen Skandal auslöste.
Die Protagonistinnen des Films wurden für ihre Rolle als Sexarbeiterinnen gecastet (es sind Schauspielerinnen, teils vollkommen ohne Sexarbeitserfahrung), die „Dokumentation“ folgte einem Skript in dem an zentralen Stellen Tatsachen verzerrt oder schlicht falsch dargestellt wurden.
Lovemobil war zuvor, gegen den Widerstand und die Kritik von Sexarbeitenden, von der Presse und vielen Jurys hochgelobt und ausgezeichnet worden. Vor dem Skandal war der Film in Mediatheken einiger Fernsehsender verfügbar, wurde zur Primetime ausgestrahlt und so einem sehr großen Publikum zugänglich gemacht und anempfohlen.
Als herauskam, wie der Film entstanden war, geriet Elke Lehrenkrauss als Person erheblich in die Kritik, und wurde öffentlichkeitswirksam in vielen Medien vorgeführt.
Seit dem Skandal um Lovemobil ist der Film aus den Mediatheken verschwunden. Das ist sehr problematisch, da so ein wichtiger Beleg für systematische, strukturelle Fehldarstellung von Sexarbeitenden einfach verschwunden ist. Unterdessen hat sich an der verzerrten, voreingenommen medialen Darstellung von Sexarbeit und Sexarbeitenden nichts geändert.
Wünschenswert wäre, den Film mit einem Disclaimer und durch Sexarbeitende eingeordnet wieder online zu stellen und somit einer Debatte über tiefverankerte Sehgewohnheiten und Vorurteile über Sexarbeit und den Anteil der Medienmacher*innen hieran Vorschub zu leisten.

Denn: Sexarbeitende haben immer wieder eine inhaltliche Debatte über den Schaden, und die Ursache solcher weit verbreiteter Fehldarstellungen von Sexarbeit und Sexarbeiter*innen, wie in Lovemobil, gefordert. Doch diese berechtigte Kritik, die neben der Dokumentation Lovemobil auch viele Produktionen von ARD, 3Sat, DLF und ZDF betrifft, wird durch die Medienmacher*innen ignoriert und so den Konsument*innen vorenthalten. So wird die überfällige Debatte über mediale Stigmatisierung von Sexarbeitenden, Fehlinformationen zu Sexarbeit in den Medien und false balance bei politischen Fragestellungen zu Sexarbeit nachhaltig verhindert.

Dazu passt, dass Hydra e.V. und das Porn Film Festival Berlin seit 2 Monaten erfolgslos um Spenden für die Sichtungshonorare der Juryangehörigen des Panels gebeten hatten. Nicht nur Verbündete waren aufgerufen zu spenden, insbesondere war unser Spendenaufruf an Fernsehsender, Radiostationen, das renommierte Grimme-Institut (Lovemobil war für den Grimme-Preis 2021 nominiert) sowie die AG Dok gerichtet. Unser Spendenaufruf wurde meist ignoriert, manchmal wurde sogar offen abgelehnt ihn an die Mitglieder der Gremien weiterzuleiten. Dieses notorische Wegsehen und Weghören begegnet Sexarbeiter*innen überall, sobald sie ihre Darstellung durch Medienmacher*innen kritisieren und es muss endlich enden.

Dazu können Panels wie Sex Work on Screen einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Sexarbeiter*innen international zu einem Thema zusammenbringen und so ihre Stimmen im Rahmen eines Festivals verstärken. Wir bei Hydra e.V. hoffen sehr, diese Kooperation mit dem Porn Film Festival Berlin in Zukunft fortsetzen zu können.

Tabelle: Bewertung der gesichteten Filme

Zurück